Gewaltprävention

Gewaltprävention in der Friedenspädagogik

 

Gewaltprävention in der Friedenspdägogik PDF - 160 KB

 

Gewalt ist ein zentrales Thema in der Friedenspädagogik. Bildung und Erziehung haben Schlüsselfunktionen für die Entwicklung einer Kultur des gewaltfreien Zusammenlebens. Das erklärte Ziel der Friedenserziehung ist es, zur Gewaltminderung in der Beziehung zwischen Staaten und im gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Zusammenleben beizutragen. Gewaltprävention zählt deshalb selbstverständlich zu den Aufgaben von Friedenspädagogik. Allerdings kann sie sich nicht auf eine einheitliche Begriffsbestimmung berufen. In den Friedenswissenschaften ist der Begriff der Gewalt immer wieder Gegenstand kontroverser Diskussionen. Bei aller Unterschiedlichkeit besteht jedoch Einigkeit darin, dass Gewalt nicht als isoliertes Phänomen verstanden werden kann. Ohne Berücksichtigung von kulturellen, sozialen und politischen Kontexten ist Gewalt nicht zu begreifen und auch nicht zu verändern. Zur Gewaltprävention im friedenspädagogischen Verständnis gehört daher die Reflexion und Bearbeitung dieser Kontexte.

 

Der Gewaltbegriff

 

Gewaltprävention in pädagogischen Handlungsfeldern ist davon abhängig, was unter Gewalt verstanden wird. Dabei ist die Vorstellung darüber, was Gewalt ist und was nicht, bei Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Pädagog/innen ebenso wenig deckungsgleich wie in der übrigen Gesellschaft. Die Einschätzung von Gewalt ist von den individuellen Wertvorstellungen der Einzelnen sowie von den Werten der Gruppe und Gesellschaft abhängig.

 

Hinzu kommt, dass Gewalt in Abhängigkeit vom jeweiligen Machtgefüge bewertet wird. Ob Gewalt als eine unerwünschte, negative Verhaltensform gesehen wird, ist abhängig davon, von welcher Ebene der Hierarchie die Gewalt ausgeübt wird und wer die Bewertung vornimmt. Zum Beispiel in der Freizeitstätte: Den älteren Jugendlichen stehen Verhaltensweisen zu, die bei Kleineren nicht akzeptiert werden. Oder im Lehrbetrieb: Der Meister kann mit dem Azubi herrisch reden, der Azubi darf aber nicht in derselben aggressiven Weise mit dem Meister umgehen.

 

Gewalt wird meist als körperliche Gewalt gegen eine andere Person beschrieben. Bedrohung, zumindest die direkte körperliche Bedrohung, wird ebenfalls als Gewalt verstanden. Verbale Aggression und psychischer Druck wie Erpressung, Verachtung, Ausgrenzung, Beleidigung und Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen sind aus Sicht der Friedenspädagogik ebenfalls Gewalt und damit gleichermaßen im Fokus von Gewaltprävention. Die WHO beschreibt Gewalt folgendermaßen:

 

Der absichtliche Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem

Zwang oder physischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, der entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklungen oder Deprivation führt." 1

 

Die WHO setzt den Begriff der Macht ein. Damit zeigt sie für die Gewaltprävention ein erweitertes Spektrum auf. Macht, Herrschaft und Erziehung können auch entwicklungsbehindernde und das Individuum schädigende Wirkungen hervorrufen.

 

Verständnis über die Ursachen der Gewalt

 

Eine Fokussierung allein auf die konkrete Tat würde bei der Betrachtung der Ursachen für Gewalt wichtige Aspekte verdecken. Die Wahrnehmung muss die Wechselwirkung verschiedener Prozesse und Erfahrungen der Vergangenheit und Erwartungen an die Zukunft mit einschließen, um der Komplexität von Gewaltursachen auf die Spur zu kommen:

 

  • Gewalt ist ein Bestandteil bzw. ein Ergebnis der Kommunikation und Interaktion zwischen Menschen. Verläuft die Kommunikation konfliktreich, ist die Interaktion im Ergebnis für eine oder mehrere Personen unbefriedigend. Ist die Beziehung von Dominanz, Missachtung und Manipulation gekennzeichnet, eskaliert das Geschehen. Es kommt zur Gewaltanwendung, um sich durchzusetzen, sich seiner Position in der Gruppe zu vergewissern, Liebe zu erzwingen oder den Gegner zu schädigen bzw. zu vernichten.

 

  • Eigene, auch länger zurückliegende Gewalterfahrungen führen zu einer Erhöhung der eigenen Gewaltbereitschaft. Gewalt wurde, wenn auch als Opfer, als effektives Verhalten zur Dominanz erlebt. In eskalierten Situationen werden diese Verhaltensmuster reaktiviert und Gewalt als Lösungsansatz präferiert.

 

  • Das Gelingen von Konfliktlösungen ist abhängig von den Kompetenzen der Beteiligten. Neben den Kompetenzen zu Dialog und konstruktiver Konfliktlösung braucht es die Fähigkeit, mit aufkommenden Emotionen wie Aggression, Ohnmacht, Ungeduld, Frustration, Angst, Scham, Trauer und Unsicherheit adäquat umzugehen.

 

  • Gewalt ist eine mögliche Antwort auf Gewalt. Neben dem Aspekt von Rache und Vergeltung geht es um den Wunsch nach aktivem, selbstbestimmten Handeln. Empfindet oder befürchtet die Person eine passive Opferrolle und kann sie keine Handlungsalternativen entwickeln, ist die Anwendung von Gewalt die vermeintlich einzige mögliche Reaktion, doch noch aktiv zu werden.

 

  • Die Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt steht in engem Zusammenhang mit der Akzeptanz von Gewalt in der jeweiligen sozialen Gruppe. Die Anwendung von Gewalt wird erleichtert, wenn Gewaltbereitschaft zum tolerierten Verhalten (z. B. im kollektiven Verständnis von Geschlechterrollen) oder verpflichtender Bestandteil des sozialen Kodex ist. Gewaltausübung führt damit zu Anerkennung und Integration in der Gruppe und wird als erfolgreich erlebt.

 

Gewaltprävention aus friedenspädagogischer Perspektive

 

Aus dem skizziertem Verständnis von Gewalt und seinen Ursachen lassen sich Kriterien für die Angebote der Gewaltprävention formulieren:

 

  • Bildungsprozesse in der Gewaltprävention sind von Wertschätzung und Anerkennung geprägt und beinhalten Mitbestimmung und demokratische Teilhabe. Die Konzeption und Durchführung von gewaltpräventiven Maßnahmen kommt ohne Stigmatisierung und ohne Defizitorientierung aus. In der Praxis der Gewaltprävention werden die TeilnehmerInnen als selbstverantwortliche Subjekte angesprochen, die den Nutzen und den Schaden von Gewalt selbst reflektieren können.

 

  • Gewaltprävention unterstützt die Entwicklung von Kompetenzen zu Kommunikation und Beziehungsgestaltung, die zu einer konstruktiven und gewaltfreien Konfliktaustragung erforderlich sind.

 

 

  • Gewaltprävention thematisiert die in Konflikten auftretenden Emotionen als verständliche, nicht als zu unterdrückende Empfindungen. Sie gibt Anregungen und Anlässe zur Reflexion und Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen und Emotionen in Konflikten. Sie schult das Einfühlungsvermögen für die Situation des Gegenübers und fördert die Möglichkeiten, Emotionen einen adäquaten Ausdruck zu geben und unter ihrer Berücksichtigung in Konflikten konstruktiv zu agieren.

 

  • Gewaltprävention zeigt auf, dass in Konflikten unterschiedliche Handlungsalternativen möglich sind und ermutigt dazu, das eigene Verhaltensrepertoire in Konflikten zu erweitern. Gewaltprävention unterstützt die Beweglichkeit in Konflikten und die Bereitschaft, in Konflikten ungewohnte Wege zu gehen.

 

  • Gewaltprävention eröffnet Kindern und Jugendlichen auch Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Sie lernen Wege und Möglichkeiten kennen, die Rahmenbedingungen ihres Alltags in Frage zu stellen und erlangen so Gestaltungsfähigkeit und Einfluss auf ihre Lebensräume und Lebensbedingungen. Die Ohnmacht, die sowohl der Täter- als auch der Opferrolle inhärent ist, kann überwunden werden.

 

  • Friedenspädagogik fördert eine Kultur der gegenseitigen Anerkennung und des gemeinschaftlich gewünschten und gelebten Verzichts auf Gewalt. Diese Friedenskultur setzt auf die Überzeugung des Einzelnen und den Wertekonsens der Gemeinschaft, dass ein gewaltfreies Miteinander für alle Mitglieder der Gruppe bzw. Gesellschaft am förderlichsten ist. Damit bezieht sich die Gewaltprävention in der Friedenspädagogik auf soziale Systeme. Nicht nur das Kind oder der Jugendliche allein ist Adressat. So gehören zum Beispiel in der Schule neben der Klassengemeinschaft auch die Schulgemeinschaft, die Elternschaft, das Lehrerkollegium, die Schulleitung und der Schulträger zur Zielgruppe. Die Organisationen im Erziehungs- und Bildungssystem, die Gewaltverzicht von ihren Teilnehmer/innen erwarten und Gewaltprävention als Querschittsaufgabe ihres Bildungsauftrags wahrnehmen, sind gefordert, ihre eigenen Prozesse zu überprüfen und so zu gestalten, dass sie gewaltfrei und einem friedlichen Miteinander förderlich sind.

 

  • Friedenspädagogisch ausgerichtete Gewaltprävention bezieht auch eine internationale Dimension und friedensstiftende Maßnahmen in anderen Regionen in die Bearbeitung von Gewalt und Gewaltverzicht mit ein. Folgen von eskalierter Gewalt in kriegerischen Auseinandersetzungen sind sehr dramatisch. Aber auch diese Formen von Gewalt sind nicht allein anhand der konkreten Geschehnisse isoliert zu betrachten, um den Ursachen nachzuspüren. Frieden ist nicht nur, wenn es keinen (Bürger-)Krieg gibt. Frieden ist ein Vorhaben, das sich auf alle Ebenen des Miteinanders bezieht. Weltweit anerkannte Übereinkünfte wie die Menschenrechte werden als Maßstab für dieses friedliche Miteinander herangezogen.

 

 

 

1 WHO, World Report on Violence and Health, 2002, S. 6.

 

 

 

 

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